Schiffsmeldung

 

ANTJE BARTEL Schiffsmeldung Installation 2020 Rügen Deutschland, bagnet

Antje Bartel

Schiffsmeldung

Installation 2020

Die Dünungsmaschine im alten Kühlhaus des ehemaligen Fischkombinates ist eingerahmt von der Namensliste der fünfzig 26,5-Meter Stahlkutter. Diese liefen von 1957 bis 1959 speziell für das Sassnitzer Werk auf den Werften Stralsund und Boitzenburg vom Stapel. Der »26er«, wie der Kuttertyp heute noch unter Einheimischen genannt wird, ist legendär geworden mit all den Geschichten der zahlreichen Fischer, die auf ihm dem Fisch nachjagden (und denen, die sie und den Fisch an Land erwarteten). SAS 274 HAVEL liegt im Originalzustand heute als Museumskutter am Kai, SAS 295 BLAUWAL, umgebaut, fischt noch. Wenn er fischt.
Mit dem Befehl (Prikas) Nr. 11 der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) vom 11.1.1946, der den Aufbau einer selbständigen ostdeutschen Hochsee-Fischerei anordnete, wuchs in Sassnitz eine Flotte verschiedener Fischereifahrzeuge. Chronologisch aneinandergereiht stehen sie auf der Tafel »SCHIFFSMELDUNG« noch einmal zusammen: die 17 Meter-, 21 Meter-, 24 Meter- Holzkutter, 26-Meter-Stahlkutter und die ganz großen: die Frosttrawler und die Kühl- und Transportschiffe.
Ihre Namen sind ein Spiegel der Zeit. Die ersten Holzkutter fahren noch für EINHEIT, VEREINIGUNG, DEUTSCHLAND, GROSS-BERLIN.
Mit den 26ern »gingen« dann die heimischen Flüsse zur See: SAS 270 Elbe, Indienststellung 1.1.1957, Bode, Elster usw. … Das war ostdeutsche Fischer-Romantik: sächsischer Fischer, heimisch am Elbestrand, unterwegs mit SAS 277 Saale bei 8 Bft im englischen Kanal. Die großen Trawler brachten den Klang ferner Seegebiete in die Sassnitzer Wohnzimmer: Kattegatt, Nordmeer, Silver Pit (ein Vulkankrater in der Nordsee), Lofoten, Orkney, Malangen … romantisch gefärbte Welt-Bilder tauchen auf aus einer Zeit, als wir Fernweh und Neugierde in »Haacks Schulatlas« nährten, Start und Ende des suchenden Fingers: südwestliche Ostsee, Insel Rügen, Jasmund, Sassnitz. Narwal, Pottwal, Finnwal, Riesenhai, Sternhai – die Namen der letzgebauten »26er« – verheißen Exotik und enorme Fangmengen. Die meisten Kutter schlingerten mit den Namen unserer Zeitgeschichte in der Dünung: SOPHIE SCHOLL, JOHANN WOLFGANG v. GOETHE, Walter ULBRICHT … STADT LEUNA, JENA, ILSENBURG … Die ganze DDR war hier auf See.
Wir danken den ehemaligen Hochseefischern, die auf Webseiten und Stammtischen ihre Geschichte am Leben erhalten und uns zu den akribisch erarbeiteten Schiffslisten führten, die das Schicksal ihrer Schiffe wie Indienststellung, Umsetzung,  Ausflaggung, Umbau, Untergang oder Verschrottung dokumentieren.
Antje Bartel / Christian Werdin

 

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